Mitte März ist Internorga-Zeit. Nach den anstrengenden Corona-Jahren, Kostenexplosionen und der verzweifelten Mitarbeitersuche – vom leidenschaftlich bekämpften Auslaufen der befristeten Mehrwertsteuersenkung gar nicht zu reden – durfte man gespannt sein, mit welcher Stimmung die Branche in diesem Jahr nach Hamburg zu ihrer Jahreshauptversammlung reisen würde. Die Antwort war schnell klar: Jetzt erst recht, lautet offensichtlich das Motto bei vielen Unternehmen und Besuchern der internationalen Leitmesse für den Außer-Haus-Markt. Dementsprechend gut gelaunt kam man zusammen und feierte sich selbst: eine Branche, die schon viele Herausforderungen gemeistert hat, die für den gesellschaftlichen Zusammenhalt unverzichtbar ist und in der es eines im Überfluss gibt – starke Macher und Macherinnen, die sich auch von Bürokratie, Inflation und Fachkräftemangel nicht entmutigen lassen.

Seit dem vergangenen Jahr gibt es auf der Internorga ein neues Format: Off the record heißt die After-Work-Party, die auch diesmal wieder am Ende dreier Messetage Aussteller und Besucher in die Halle B5 des Hamburger Messegeländes lud, um das Geschäft Geschäft sein zu lassen und einfach nur ausgelassen zu feiern. Off the record – das bedeutet: Was hier gesagt wird, bleibt vertraulich, bislang berufliche Beziehungen werden möglicherweise zu Freundschaften vertieft und die vom vielen Stehen müden Füße dürfen noch einmal ausgiebig tanzen, bevor es am nächsten Tag heißt: Back to Business.

Internorga 2024

Hurra, wir leben noch! Die Branchenfamilie feierte in Hamburg.

©Hamburg Messe und Congress/Matzen

Ohne Sorgen die Branche feiern

Der Erfolg des Angebots – Eintritt und Getränke sind frei – spiegelt symptomatisch die Sehnsucht der Branche nach Unbekümmertheit und Loslassen in schwierigen Zeiten wider. Sorgen gibt es schließlich genug: Wo nicht genügend Mitarbeiter vorhanden sind, ist der Einzelne mehr denn je gefordert, bleiben Spaß und Freude zuweilen auf der Strecke. Die Internorga will hier Hilfestellung leisten, nicht nur mit drei Stunden Party, sondern mit einem breiten Angebot an Produkten, Dienstleistungen, Technologien, Networking, Inspirationen und Informationen, die die 1.200 Aussteller aus knapp 30 Ländern für die rund 80.000 Besucher aus allen Bereichen des Außer-Haus-Markts mitgebracht hatten.

Deutscher Gastro-Gründerpreis: Food Trucks United gewinnt spannendes Finale

Auch in diesem Jahr traten am ersten Tag der Internorga wieder fünf junge Gastro-Konzepte aus Deutschland und Österreich gegeneinander an, um im Live-Voting durch die rund 300 Zuschauer einen Hauptgewinner zu ermitteln. Geschafft hat es Food Trucks United aus Feldafing – eine junge Marketing- und Event-Agentur für Food Trucks. Gründerin Franziska Weidner konnte es nicht fassen: „Dass wir gemeinsam diesen Preis gewonnen haben ist unglaublich! Ich wusste, dass wir gute Chancen hatten, aber habe nicht damit gerechnet, dass wir es tatsächlich schaffen.”

Geboren aus der Not während der Corona-Lockdowns, hat sich Food Trucks United in kurzer Zeit zu einer einzigartigen, deutschlandweit aktiven Plattform und Event-Agentur rund um das Thema Street Food für jeden Anlass und jeden Geschmack entwickelt. Gründerin Franziska Weidner verkauft selbst im Münchner Raum mit ihrem Trailer „Herr von Schwaben” schwäbische Spezialitäten. Sie gründete die Community zunächst als Zweckgemeinschaft, um die Kräfte der vielen kleinen Food Truck-Betreiber*innen in Krisenzeiten zu bündeln und so deren Angebote sichtbarer zu machen. Ihre Mission: eine Win-Win-Win-Konstellation, in der alle voneinander lernen und profitieren.

Internorga

Die Unternehmensstrategie von Food Trucks United steht auf vier Rädern: Zusammenhalt, Kommunikation, Qualität und Weiterentwicklung. Inzwischen sind 150 Truck-Betreiber im Netzwerk, die ihre Erfahrungen austauschen und bei Problemen Hilfestellung erhalten. Kunden gegenüber tritt Food Trucks United als ein Ansprechpartner für alle Bedürfnisse auf – vom mobilen Kantinenersatz mit täglich wechselndem Mittagsfahrplan über die Firmenfeier bis zum privaten Hochzeitsfest oder Messe-Catering. Weidner übernimmt mit ihrem vierköpfigen Team als Fullservice-Agentur die komplette Planung und Durchführung von Events mit bis zu 10.000 Gästen. Unterstützt werden sie dabei auch von lokalen Partnern, Gastronomen und Lieferanten.

Food-Truck-Betreiber erhalten für eine geringe Monatsgebühr eine Listung auf der Homepage und in der App plus werbliche Unterstützung, werden außerdem in die Social Media-Aktivitäten der Plattform auf Instagram und Facebook sowie in den Newsletter integriert. Bei erfolgreicher Vermittlung von Catering-Aufträgen erhält Food Trucks United eine Provision von 5 Prozent.  www.foodtrucksunited.de

Internorga 2024

Den Messealltag vergessen: Off the record entführte in Zauberwelten. 

©Hamburg Messe und Congress/Alexander Wöckener

Diese ließen sich auch von lahmgelegter Bahn und bestreikten Flughäfen nicht von der Reise in den Norden abhalten. „Wir haben bereits in den vergangenen Monaten gemerkt, wie groß die Vorfreude auf die Internorga nicht nur bei uns, sondern auch bei den Ausstellenden und Besuchenden ist,“ fasste Claudia Johannsen, scheidende Business Unit Director Hamburg Messe und Congress, ihre Eindrücke zusammen. „Denn es gibt nach wie vor sehr viel Austausch- und Informationsbedarf.“

Branchenspitze wächst kräftig

Schon am Vortag wurde im Congress Center Hamburg beim Internationalen Foodservice Forum deutlich: So schlecht wie medial oft kolportiert ist die Lage der Gastronomie möglicherweise gar nicht – zumindest nicht überall. Schließlich konnte die Branchenspitze der Top 100 Gastro-Unternehmen in Deutschland mit einem gemeinsamen Nettoumsatz von 17 Mrd. Euro im Jahr 2023 sogar auf das Top-Jahr 2019 satte 25 Prozent draufpacken, wie Katrin Wißmann, verantwortliche Redakteurin beim Fachmagazin foodservice berichtete. Und die Ertragslage? Die bezeichnen 53 Prozent der befragten Unternehmen als gut beziehungsweise sehr gut, 34 Prozent sind noch zufrieden. Wie sich diese Werte in diesem Jahr nach der Rückkehr zu 19 Prozent Mehrwertsteuer auf Speisen entwickeln werden, bleibt abzuwarten. 

Internorga 2024

Katrin Wißmann führte durch die 2023er Zahlen der Branchenspitze.

Foto: Barbara Schindler

Internorga 2024

Manuel Wiesner erklärte den Mehrwert von Lohntransparenz.

Foto: Hamburg Messe und Congress/Michael Zapf

Internorga 2024

„Poldi“ beantwortete Fußball-Fragen.

Foto: Hamburg Messe und Congress/Michael Zapf

Mehr Wertschätzung für Fleisch

Ob die Zukunft dabei eher im Bereich Fleisch oder in pflanzlichen Alternativen liegt, wurde beim Foodservice-Forum angeregt diskutiert. Dass – wie auf der Bühne in einem Panel mit Fleischsommelier Christoph Grabowski, Fleischermeisterin Katharina Koch, Bernd Stark von der Mindful Meat Initiative und Stephan von Bülow (Block Gruppe) behauptet – Kühe tatsächlich Klimaretter sind, darf zwar zumindest bezweifelt werden. Dass Tiere und ihre Lebensumstände mehr Respekt, Aufmerksamkeit und Wertschätzung verdienen, ist aber unbestritten.

Mit Transparenz zur mehr Mitarbeitern

Spannend war ebenso die Frage, ob bedingungslose Gehaltstransparenz bis hin zur Führungsebene dabei hilft, Mitarbeiter zu gewinnen und zu halten. Manuel Wiesner von der Schweizer Familie Wiesner Gastronomie beantwortete sie eindeutig mit Ja und gab damit inspirierende Impulse, das Thema Bezahlung mit allen Konsequenzen neu zu denken.

Erfolg dank Influencern und Qualität

Warum im Top 100-Ranking ausgerechnet die großen Pizza-Lieferdienste nach den lukrativen Corona-Jahren mit Minuszahlen auffielen, wurde deutlich, als Nono Konopka und Kevin Kock ihr Startup „Lanch“ vorstellten, das seit seinem Start im vergangenen Juni mehr als 20 Mio. Euro mit aus Ghost Kitchens gelieferten Pizzen und Fried Chicken erlöst hat. Das Erfolgsgeheimnis verblüffte vor allem die Vertreter der höheren Jahrgänge im Publikum: Lanch kooperiert mit den beliebtesten Influencern und Rappern Deutschlands, denen die Jugend eben nicht nur auf Social Media buchstäblich die Bude einrennt. Doch das alleine reicht nicht, wie die Gründer betonten: „Die Wiederkaufsraten zeigen: Auch die Qualität stimmt!“

Fußballer in Serie

Davon, dass die Qualität in den knapp 30 Restaurants von Lukas Podolskis Konzept Mangal Döner stimmt, ist angesichts des rasanten Wachstums der Marke ebenfalls auszugehen. Doch auch hier liefert der Promi-Faktor für das vom Weltmeister zusammen mit Metin Dag lancierte Unternehmen einen großen Mehrwert, der für Formate ohne bekannte Gesichter schwer zu reproduzieren ist. Mehr Betriebsgeheimnisse, als dass man mit System und nach HACCP arbeitet, bekam Moderator Torsten Olderog aus den Geschäftspartnern ohnehin nicht heraus. Man darf gespannt sein, welcher Fußballer nach Bastian Schweinsteiger 2023 (und Olli Kahn 2014) im nächsten Jahr auf der Bühne von Europas größtem Kongress für die Foodservice-Branche stehen wird. Der fachliche Informationswert war bei allen dreien überschaubar. Aber immerhin bekamen die zahlreichen Fußball-Fans im Auditorium jede Menge Selfies mit „Poldi“.

Internorga 2024

©Hamburg Messe und Congress/Rolf Otzipka

Information und fachlicher Mehrwert standen dagegen auf der Open Stage in Messehalle A3 im Mittelpunkt, in die in diesem Jahr auch erstmals das Trendforum Pink Cube integriert war. Hier präsentierte Trendexpertin Karin Tischer wieder die aktuellsten Ergebnisse ihrer FoodZoom-Studie, darunter Eatertainment aus der ganzen Welt und eine neue Getränkevielfalt. Abwechselnd mit Tischer kamen auf der Open Stage außerdem Experten aller Branchendisziplinen zu Wort und teilten ihr Wissen in Vorträgen, Panels und Interviews.

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Karin Tischer präsentierte die neuesten Trends. 

Internorga 2024

Michael Kuriat (l.) war Host auf der Open Stage.

©Hamburg Messe und Congress/Rene Zieger

Viel Zukunft in den Messehallen der Internorga

Und auch wenn es in diesem Jahr keinen einzelnen, vielbesprochenen Besuchermagneten wie auf der Internorga 2023 den Kochroboter von Goodbytz gab, fand sich vor allem in den Technikhallen ganz viel Zukunft. Immer wichtiger: die Rolle von KI-gestützten Anwendungen, die Gastronomen und Hoteliers den Arbeitsalltag erleichtern, den Mitarbeitermangel lindern und Kosten sparen – versammelt wieder im hochinteressanten AI Center. Sogar ein Hackathon fand erstmals im Rahmen der Gastro-Messe statt: Der neu gegründete Verein Hoosy e.V. hatte Programmierer eingeladen, Lösungen zu entwickeln, mit denen der Kommunikations- und Datenaustausch in Hospitality-Betrieben jeder Art auch unter den verschiedenen Systemen und Herstellern fließen kann. Innerhalb von 36 Stunden entstanden in Form eines mit 5.000 Euro Preisgeld dotierten Wettbewerbs fünf Prototypen, die tägliche Schmerzpunkte der Branche digital lösen sollen.

Die Herausforderungen bleiben groß, doch es gibt auch viele Chancen. Um sie zu nutzen, lieferte die Internorga erneut einen Energieschub und viele gute Ideen für die ganze Branche. Mehr denn je ist klar: Die Disruption des Wirtschaftszweig, in dem so konservative Werte wie Gemeinschaft, Zusammenhalt und Verlässlichkeit nach wie vor hoch im Kurs stehen, ist in vollem Gange. Es gilt, die Balance zu halten zwischen analogem, menschlich-warmem Gasterlebnis und digitalen, effizienten Prozessen. Werden das alle schaffen? Nein, vermutlich nicht. Die im Zuge des Kampfes um eine Entfristung der niedrigeren Mehrwertsteuer auf Speisen immer wieder geäußerte Sorge der Branche um den Verlust der Vielfalt ist gerade auch angesichts enormer Wachstumszahlen bei Systemgastronomie und Fast Food berechtigt. Umso wichtiger ist es, sich immer wieder auf den neuesten Stand der Möglich- und Notwendigkeiten zu bringen. Die Internorga ist ein guter Ort dafür.

Internorga 2024

Foto: TNC Productions GmbH

Die nächste Internorga findet vom 14. bis 18. März 2025 in Hamburg statt.