Sie sind die wertvollste Ressource der Gastronomie und wollen entsprechend behandelt werden: Mitarbeiter. Die Notwendigkeit eines wertschätzenden Umgangs beginnt jedoch nicht erst, wenn das neue Team-Mitglied an seinem ersten Arbeitstag durch die Tür kommt, sondern schon viel früher: Von dem Moment der Einigung über die Zusammenarbeit an, ist es Zeit für ein ebenso strukturiertes, wie individuelles „Onboarding” – denn das Anbordholen umfasst heute weit mehr als nur die Einweisung am neuen Arbeitsplatz.
„Beim Onboarding geht es im Wesentlichen darum, die Leute von Anfang an emotional für die Marke zu begeistern”, sagt Arthur Käser, Lizenzpartner von L’Osteria mit vier Restaurants im Rhein-Main-Gebiet. Da ist es hilfreich, dass das Münchner Mutterunternehmen die Marke nicht nur gegenüber den Gästen als Love Brand positioniert, sondern auch als starken Arbeitgeber mit La Famiglia-Philosophie. „Über die Zentrale erhalten unsere neuen Mitarbeiter schon vor Arbeitsbeginn Begrüßungsvideos sowie Zugang zur digitalen Schulungsplattform mit allen informationen zur Geschichte des Unternehmens, Rezepturen und Prozessen. Das ist die Basis. Aber die Hauptaufgabe eines gelungenen Onboardings liegt bei uns in den Restaurants”, betont Käser. „Dabei sind die ersten Monate wichtig und die erste Woche entscheidend.”
Arthur Käser führt vier L’Osteria-Restaurants im Rhein-Main-Gebiet und ist inzwischen auch Chief Operating Officer der Marke.
Kollegen haben Schlüsselrolle
Neben einem möglichst gut vorbereiteten Management kommt dem Team und den direkten Kollegen eine Schlüsselrolle zu: „Wir sind darauf angewiesen, dass diejenigen, die mit den Neuen Seite an Seite arbeiten, sie an die Hand nehmen, Details erklären, ihnen Sicherheit vermitteln und dem Management konstruktives Feedback geben, wie es läuft”, erklärt Käser. „Es ist eine Frage der Unternehmenskultur, ob und wie neue Mitarbeiter positiv integriert werden.”.
Kein Nice-to-Have, sondern Strategie
Das sieht auch Gabriele Henkel, Geschäftsführerin des Münchner Consulting-Unternehmens Henkel + Henkel, so: „Onboarding ist heute kein Nice-to-have mehr, sondern ein strategischer Schlüssel für Stabilität im Betrieb. Wer nicht frühzeitig Orientierung, Wertschätzung und klare Strukturen bietet, verliert gute Leute schneller als er nachbesetzen kann. Das kostet nicht nur Nerven, sondern auch Geld.” Gerade in der Gastronomie, in der Teams aus unterschiedlichen Kulturen, Sprachen und Persönlichkeitsprofilen zusammenfinden, entscheide sich in den ersten Tagen, ob jemand bleibt oder innerlich schon wieder geht, so Henkel. „Wer hingegen soziale Integration und fachliche Anleitung auch unter Zeitdruck strukturiert gestaltet, sorgt dafür, dass Mitarbeitende sich arbeitsfähig und als Mensch angenommen fühlen.” Und das spricht sich bekanntlich herum: „In einer Branche, in der gute Kräfte ständig weitere Angebote erhalten, zählt die Atmosphäre. Betriebe, die für eine klar strukturierte Einführung und respektvollen Umgang bekannt sind, ziehen langfristig qualifiziertes Personal an – und stärken zugleich ihre Reputation.”
„Neben dem Onboarding ist auch das Exit-Gespräch eine große Chance für Unternehmen. Fragen wie: Was hat dir hier gut gefallen? und: Was hätte deinen Alltag erleichtert? liefern oft wertvolle Hinweise für Verbesserungspotenzial. Und ein respektvoller Abschied mit persönlichem Dank stärkt als starkes Signal an das Team Loyalität und Vertrauen.”
Onboarding in der Gastronomie
– 5 goldene Regeln, damit neue Mitarbeitende bleiben –
- Tag 1 ist kein Zufallsprodukt – er ist Service am neuen Kollegen:
- Wer begrüßt? Wie läuft der Einstieg ab?
- Wo finde ich was – und wer zeigt es mir?
- Was ist das „Mise en Place“ des Hauses (fachlich und menschlich)?
- Visuelle Orientierung statt Redeschwall:
- Schritt-für-Schritt-Anleitungen mit Fotos
- Piktogramme für Abläufe und Standards
- So sieht unser Buffet, unsere Bar oder unser Serviceplatz „fertig“ aus
- Feedback ist Führung – und zwar sofort:
- Nach der ersten Schicht, nach Tag 2, nach Woche 1
- Ruhiger Ort, klare Fragen: Was brauchst du? Wo hakt’s? Was gefällt dir?
- Konstruktiv, konkret, menschlich. Wichtig: Nicht bewerten, sondern begleiten
- Jeder Neue tickt anders – aber alle brauchen Struktur:
- Fester Ansprechpartner, feste Abläufe für die ersten Tage
- Kein Overload und auch kein Vakuum
- Klarheit + Struktur + Menschlichkeit = echte VER-Bindung
- Onboarding ist kein Extra, es ist Investition in Stabilität
- 20 Minuten echte Aufmerksamkeit bringen mehr als drei neue Inserate
- Wer den Einstieg ernst nimmt, gewinnt Loyalität
- Gute Einarbeitung spricht sich rum!
Quelle: Gabriele Henkel, Henkel + Henkel – die Wachstumsbegleiter
Vom ersten Tag an zusammengehörig
Ein Gastronomie-Unternehmen, das für seine Arbeitgeberqualität bereits ausgezeichnet wurde, ist das Team Gastro Urban mit vier Restaurants und einem Hotel in Goslar. Geschäftsführer Alexander Scharf erklärt den besonderen Spirit in seinem Team: „Wir stellen möglichst vom ersten Tag an ein Zusammengehörigkeitsgefühl her – einen positiven Flow.” Wer darin mitschwingt, bleibt, so seine Erfahrung: „Es erhöht die Wahrscheinlichkeit einer dauerhaften Zusammenarbeit, dass wir die Bedürfnisse der Menschen, die bei uns arbeiten, auf möglichst vielen Ebenen befriedigen.” Dazu brauche es die richtigen Fragestellungen und Klarheit in der Kommunikation. „Bei uns steht jeder in der Verantwortung, den eigenen Arbeitsplatz so mitzugestalten, dass er oder sie sich dort wohlfühlt”, erklärt Scharf.
„Wertschätzung in Form von Lob und Anerkennung ist nett, reicht aber nicht. Menschen wollen gesehen werden.”
Onboarding ist klar definiert
Dazu passt, dass der Ablauf des Onboardings im Team Gastro Urban klar definiert ist – und sogar großformatig als Plakat an der Wand hängt. Neben Formalien sind die Begrüßung durch die Geschäftsführung, ein Rundgang durch alle Betriebe und die Aufnahme in die relevanten WhatsApp-Gruppen ebenso Teil des Prozesses wie eine persönliche Videobotschaft an das Team, die dafür sorgt, dass das neue Gesicht allen Kollegen bekannt gemacht wird. Für Scharf ist diese Sichtbarkeit entscheidend: „Wertschätzung in Form von Lob und Anerkennung ist nett, reicht aber nicht. Menschen wollen gesehen werden.”
Am wichtigsten: die Motivation
Zu einem gelungenen Onboarding gehört folglich auch die Erkenntnis: Eine One-fits-all-Lösung gibt es nicht. „Jede neue Fachkraft bringt eigene Erfahrungen, Herkunft und Erwartungen mit; ein guter Rahmen muss Struktur und Spielraum verbinden”, weiß Gabriele Henkel. Zumal bekanntlich nicht nur Fachkräfte ihren beruflichen Weg in der Gastronomie suchen, sondern ebenso absolute Newcomer sowie erfahrene, aber nicht gelernte Mitarbeiter. „Es ist eine Herausforderung, für jeden die richtige Ansprache und Anleitung zu finden”, bestätigt Käser. „Aber am wichtigsten ist die Motivation der neuen Team-Mitglieder. Wir begleiten jeden individuell und gehen drei Schritte extra, wenn wir sehen, dass es sich lohnt.” Dazu gehören bei L’Osteria nicht nur Online-Schulungen und Trainings, die während der bezahlten Arbeitszeit absolviert werden, sondern wenn nötig auch Sprachkurse, Hilfe bei der Beschaffung der Arbeitserlaubnis oder Unterstützung beim Umzug.
Ausgezeichnerter Arbeitgeber: Alexander Scharf aus Goslar ⇒
Arbeitgeber als Lebensabschnittsbegleiter
„Arbeitsverhältnisse sind in vielerlei Hinsicht wie Liebesbeziehungen”, glaubt Käser. „Es muss grundsätzlich passen, und wenn es einmal ruckelt, schaut man gemeinsam: Was braucht der andere? Können wir das leisten? Falls nicht, ist es meistens besser, wenn man sich trennt.” In dem Fall sollte man – wie in der Partnerschaft – erst recht darauf achten, dass die gemeinsame Zeit beiden Seiten in guter Erinnerung bleibt. Als junge Führungskraft sei ihm das früher schwer gefallen, sagt Käser. „Kündigungen durch Mitarbeiter waren für mich anfangs ein emotionales und auch belastendes Thema: Man verlässt mich! Dabei gebe ich doch alles. Man fühlt sich ungerecht behandelt. Dann habe ich verstanden: Ich darf nur ein Abschnittsbegleiter im Arbeitsleben meiner Mitarbeiter sein. Meine Aufgabe lautet: Es ihnen möglichst so angenehm zu machen, dass sie nicht gehen wollen.”
Offboarding: Persönliche Bindung erhalten
„Onboarding ist Fleißarbeit, aber wenn ein Mitarbeiter kündigt, kommt das Ego des Arbeitgebers ins Spiel”, bestätigt Alexander Scharf. „Denn Arbeitnehmer trennen sich meistens nicht vom Unternehmen, sondern vom Vorgesetzten.” Gekränkte Gefühle haben im Offboarding jedoch nichts zu suchen: „Gastronomie ist – anders als andere Branchen – immer eine Mischung aus persönlicher Beziehung und Arbeitsebene”, erklärt Scharf. „Ziel muss auch nach der Kündigung sein, die persönliche Bindung aufrecht zu erhalten – auch wenn es für mich ein Problem bedeutet, die Position nachzubesetzen.”
Besonders verdiente Mitarbeiter des Teams Gastro Urban erhalten deshalb beim Abschied ein Rückkehrticket, das signalisiert: Du bist immer willkommen! „Neulich hat es ein Koch tatsächlich schon nach vier Wochen eingelöst”, freut sich Scharf.
Onboarding-To-Do-Liste des Teams Gastro Urban
Trennung im Guten
Andere ehemalige Team-Mitglieder sind nach wie vor bei Weihnachtsfeiern dabei und machen gemeinsam mit den ehemaligen Kollegen auf dem Schützenfest Party. Dass die Wertschätzung für die geleistete Arbeit anhält und man sich im Guten trennt, darf übrigens jeder sehen: Diesbezügliche LinkedIN-Posts von Scharf und Käser erzielen häufig viele Klicks, die sowohl auf das Arbeitgeberimage als auch auf das Selbstwertgefühl der Ehemaligen einzahlen. „Letztendlich geht es immer darum, Momente zu zelebrieren, mit einer kleinen Ansprache und einem Geschenk”, sagt Käser. „Es gibt so viele Gründe, warum jemand geht. Wenn wir den Exit ohne schlechte Gefühle gestalten, bleiben uns die Ehemaligen als treue Markenbotschafter erhalten.”
Exit-Gespräch als Chance
Gabriele Henkel sieht das Exit-Gespräch als große Chance für das Unternehmen: „Fragen wie: Was hat dir hier gut gefallen? und: Was hätte deinen Alltag erleichtert? liefern oft wertvolle Hinweise für Verbesserungspotenzial. Und ein respektvoller Abschied mit persönlichem Dank stärkt als starkes Signal an das Team Loyalität und Vertrauen.” Auch sie empfiehlt, die Türen ausdrücklich offen zu lassen und den letzten Eindruck bewusst zu gestalten: „Ein wertschätzender Abschied mit persönlichem Dank wirkt nach und fördert auch Loyalität und Vertrauen im Team.”
Fazit: Ein gutes On- und Offboarding ist kein Luxus. Es ist die stillste, günstigste und wirksamste Form von Mitarbeiterbindung und Stärkung der Arbeitgebermarke. Gerade in der Gastronomie.
Öffentlicher Abschied und Wertschätzung für einen ausscheidenden Mitarbeiter: Im Team Gastro Urban gibt’s sogar ein Rückkehr-Ticket. ⇒
Fotos: Unternehmen

Barbara Schindler entdeckte schon früh ihre Lust am Schreiben. Mit 16 stand für sie fest: Ich will das Geschichtenerzählen zum Beruf machen, werde Journalistin. Mit einem Studium der Musikwissenschaft, Anglistik und Romanistik orientierte sie sich in Richtung Feuilleton, landete dann aber nach einigen Umwegen beim Fachjournalismus mit Schwerpunkt Gastronomie. Seither berichtet sie – zunächst als festangestellte Redakteurin bei der Fachzeitschrift Food-Service, seit Sommer 2018 freiberuflich – über alle Aspekte der Branche. Barbara Schindler ist verheiratet und lebt in Frankfurt am Main.

